Joe Bidens mögliche Kandidatur: Vor diesem Mann muss Trump sich fürchten


Wenig Zeit? Am Textende gibt’s eine Zusammenfassung.


Der alte Löwe kommt an die Wasserstelle, die anderen machen ihm Platz. Dieses Phänomen ist aus der Tierwelt bekannt, in der amerikanischen Politik spielt sich gerade ein ähnlicher Prozess ab.

Mehrere potenzielle Präsidentschaftskandidaten haben bekannt gegeben, dass sie 2020 doch auf eine Bewerbung verzichten werden. Michael Bloomberg, der Unternehmer, zum Beispiel. Auch Sherrod Brown, Senator aus Ohio, lässt es lieber bleiben.

Offenkundig sehen sie einen stärkeren Herausforderer im Anmarsch: Joe Biden, ehemaliger Vizepräsident und langjähriger US-Senator, soll sich zu „95 Prozent“ für eine Kandidatur entschieden haben, raunt es aus seinem Umfeld. Nun erwarten alle die offizielle Ankündigung. Ob sie denn tatsächlich kommt, weiß derzeit wohl nur ein Mensch: Joe Biden selbst. Angeblich berät er sich noch mit seiner Familie, ob er den Sprung wirklich wagen soll.

Das Rätselraten über Bidens Pläne passt zu einem Rennen, das von Tag zu Tag spannender, aber auch bizarrer wird. Obwohl es bis zur Präsidentenwahl 2020 noch fast zwei Jahre hin sind, jonglieren die US-Medien bereits unentwegt mit neuen Namen von Menschen, die angeblich gegen US-Präsident Donald Trump antreten wollen. Es werden Listen mit Favoriten erstellt, deren Reihenfolge sich permanent ändert. Und der US-Sender CNN veranstaltet schon Sendungen mit Kandidaten im „Town Hall“-Format, ganz so, als stünde der Wahlabend unmittelbar bevor.

Biden hat klare Stärken

Der Wirbel ist Ausdruck einer Sehnsucht vieler Amerikaner, Trump endlich aus dem Weißen Haus zu verjagen. Zugleich ist bei den Trump-Gegnern aber auch eine tiefe Verunsicherung zu spüren. Niemand vermag mit Sicherheit vorherzusagen, welcher Kandidat oder welche Kandidatin mit welchem politischen Profil die besten Erfolgsaussichten hätte.

Joe Biden, so viel steht fest, wäre sofort ein Favorit. Er hat nicht nur den bekanntesten Namen aller möglichen Kandidaten, sondern verfügt nach vier Jahrzehnten in der Politik auch über die größte politische Erfahrung. Seit Langem gilt er mit seiner kumpeligen, moderaten Art als ein Liebling der weißen Mittelschicht und Arbeiterklasse. Er könnte in genau jenen alten, demokratischen Hochburgen des „Rust Belt“ punkten, die die Kandidatin Hillary Clinton bei der letzten Wahl an Trump verlor: Michigan, Ohio, Pennsylvania, Wisconsin.

Zudem ist Biden ein starker Redner, der mit einer Botschaft von Toleranz und Versöhnung einen klaren Kontrapunkt gegen Donald Trump setzen könnte. In fast allen Umfragen unter Anhängern der Demokraten führt er das Feld der Favoriten an, vor Bernie Sanders, Elizabeth Warren, Kamala Harris oder (dem noch unentschiedenen) Beto O’Rourke. Auch große Parteispender der Demokraten würden vermutlich auf ihn setzen.

Möglicher Trump-Herausforderer O'Rourke:
Möglicher Trump-Herausforderer O’Rourke
„Betoooooo“

Das sind Bidens Schwächen

Ob das aber für einen Sieg reicht? Biden, der sich seit den Achtzigerjahren bereits zwei Mal erfolglos um die Nominierung der Demokraten bemüht hat, wird im Wahljahr 78 Jahre alt. Das kann ein Nachteil sein, weil sich gerade jüngere, linke Wähler eher nach einem neuen Gesicht und frischen Ideen sehnen könnten. Sein Alter ist womöglich auch einer der Gründe, die Biden zaudern lassen. Er werde nur antreten, wenn für ihn ein klarer Weg zum Sieg erkennbar sei, sagte er neulich.

Hinzu kommt, dass Biden durch seine langjährige politische Karriere angreifbar ist: Seine Gegner könnten aus den Archiven etliche alte Zitate und Videoschnipsel hervorzaubern, die vielleicht vor 30 Jahren vielen Wählern noch harmlos erschienen, heute aber als reaktionär gelten. Zum Thema Umwelt- und Klimaschutz zum Beispiel, oder bei der Gleichstellung von Mann und Frau. In den frühen Neunzigerjahren gehörte Biden zu einer Gruppe von Senatoren, die bei der sogenannten Anita-Hill-Anhörung Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen einen Richterkandidaten ignorierten. Dem Mann wurde mehr geglaubt als der Frau, ein Verhalten, mit dem sich zumindest Politiker der Demokraten heute in den eigenen Reihen unmöglich machen würden.



Joe Biden:
Golfen mit Obama, Handschlag mit Merkel

Zweifellos wäre Bidens Kandidatur also kein Selbstläufer: Um wirklich Erfolg haben zu können, müsste er, der moderate Kandidat, sicherlich auch Teile der neuen, progressiven Agenda befürworten, die andere Kandidaten wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren bereits propagieren. Dazu gehören teure Versprechen wie zum Beispiel mehr Klimaschutz, eine günstige Gesundheitsversorgung für alle Amerikaner oder auch die Abschaffung von Studiengebühren.

Trump hat Respekt vor Biden

Und dann ist da natürlich noch Trump: Zwar erscheint der Präsident derzeit schwach, die immer neuen Skandale und Enthüllungen schaden ihm zunehmend. Doch geschlagen ist er noch nicht. Trump und seine Strategen haben sich bereits entschieden, die kommende Wahl erneut mit einer Angstkampagne gewinnen zu wollen. Die Demokraten sollen als linke, sozialistische Partei gebrandmarkt werden, die aus den USA angeblich ein zweites Venezuela machen wollen. Diese Parolen sollen gelten, ganz egal, wen die Demokraten am Ende auf dem Parteitag im Sommer 2020 nominieren.

Immerhin: Laut US-Medienberichten hat Trump vor einem möglichen Gegenkandidaten Joe Biden am meisten Respekt. Biden sei der Demokrat, „der am wenigsten verrückt ist“, heißt es demnach im Weißen Haus. Am Ende dürfte der Präsident aber auch Biden mit jener typischen Mischung aus höhnischen und aggressiven Parolen attackieren, die er so gern über anderen Gegnern niedergehen lässt.

Für alle Fälle übt Trump schonmal. In einem Interview erklärte er jüngst, Biden sei verbraucht und „schwach“. Barack Obama habe ihn seinerzeit zwar zum Vizepräsidenten ernannt. Aber er habe Biden dafür von der „Müllhalde“ geholt.



Zusammengefasst: Schon länger wird in Washington darüber spekuliert, dass Joe Biden ins Feld der demokratischen Kandidaten für die Wahl 2020 einsteigen könnte. Noch ist seine Entscheidung nicht final, doch Biden werden gute Chancen für eine tatsächliche Nominierung eingeräumt. Er hat jede Menge Erfahrung, ist ein guter Redner und sehr bekannt im Land. Vor den zu erwarteten Attacken des republikanischen Lagers wird ihn das nicht schützen. Donald Trump dürfte eine Kandidatur Bidens aber dennoch nervös machen.