Aschermittwoch für Fortgeschrittene

Eine SPD im freien Fall? Eine kritische CSU? Eine CDU, in der immer mehr zweifeln? Und eine AfD, die das freut? Kein Problem – in Demmin zeigt Kanzlerin Merkel, dass für sie Krisen nichts und Koalitionsverträge alles bedeuten.

Stefan Braun, Dr. phil. , begann seine Journalistenkarriere schon in der Schulzeit als Lokalreporter. Er studierte in München und promovierte in Berlin mit Studienaufenthalten in Washington, New York und Jerusalem. Thema: Duell unter Freunden – Die amerikanisch-israelischen Beziehungen und der Friedensprozess im Nahen Osten. Danach arbeitete er zehn Jahre bei der Stuttgarter Zeitung, erst als Volontär, dann als Blattmacher in der Außenpolitik, ab 1999 als Korrespondent in Bonn und Berlin. 2006 folgten zwei Jahre beim Magazin Stern. Seit Januar 2008 schreibt er als Mitglied des Berliner Büros für die SZ. Mehr als ein Jahrzehnt widmete er sich vor allem Angela Merkel und der Union; seit Ende 2013 schreibt er vor allem über die deutsche Außenpolitik, die Grünen und das Bundesinnenministerium.

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Ach, diese Krisen. Angela Merkel hat schon so viele überstanden. Die um Helmut Kohl und seine Spenden; die um die Weltfinanzkrise und den Euro; die um Wladimir Putin und den Krieg in der Ostukraine. Selbst die Attacken aus den eigenen Reihen sind für die CDU-Chefin bis heute stets gut ausgegangen. Mehr als zwölf Jahre Kanzlerschaft, dazu bald 18 Jahre an der Parteispitze – das trainiert die Nerven und stärkt die Abwehrkräfte.

So gesehen kann man verstehen, dass Angela Merkel auch den Aschermittwoch von Demmin überlebt. Nein, das Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern ist keine Katastrophe. Aber die Veranstaltung der Landes-CDU in der örtlichen Tennishalle ist schon eine besondere Aufgabe. Nix Festsaal, wenig Tradition, außerdem ein eigener CDU-Landeschef, der vor allem Horst Seehofer hervorhebt. Dazu heißt der Schnaps hier Roter Hengst; der Cocktail wird noch immer Sex on the Beach genannt; und das Matjesbrötchen kostet 3,50 Euro.

Richtig schön also ist der Ausflug nicht. Die Kanzlerin lächelt trotzdem. Sie lächelt beim Einzug in die Halle. Sie lächelt, als die Band mit „Rosamunde“ aufspielt. Und sie lächelt, als Landeschef Vincent Kokert an ihre nüchterne Nachdenklichkeit erinnert. Selbst über die Tatsache, dass er den meisten Beifall bekommt, als er Helmut Kohl erwähnt, wird einfach hinweg gelächelt.

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„Alle elf Minuten verliebt sich ein Söder in eine neue Idee von Herrn Söder“

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Was soll Merkel auch sonst machen. Ihr womöglich-wieder Koalitionspartner SPD steckt tief in der Krise; die Schwesterpartei CSU sucht die Abgrenzung; selbst in der CDU haben sich Zweifel eingenistet. Und sie sitzt jetzt bei Bier in Plastikbechern, hört Blasmusik und muss gleich auftreten. Da bleibt wenig Spielraum. Also ruft sie zur Begrüßung in die Tennishalle, es sei „einfach wunderbar, zu Hause zu sein.“ Das muss man an dem Ort erst mal hinbekommen.

Wie sie das schafft, wird schnell deutlich. Merkel tut gar nicht so, als habe das hier irgendetwas mit Fasching, Fastnacht oder Karneval zu tun. Sie hat sich was anderes vorgenommen. Vorlesung könnte man es nennen oder Fachvortrag für Auserwählte. Merkel nämlich bringt es fertig, außer den regionalen Honoratioren keinen einzigen Politiker beim Namen zu nennen. Keine Attacke auf die politischen Gegner von der AfD, kein spitzes Wörtchen über Horst Seehofer, nichts über die Sozialdemokraten. Lindner, Habeck, Wagenknecht – in Demmin malt Merkel eine Welt, in der die gar nicht vorkommen.

Stattdessen sagt die Kanzlerin, es sei „nicht die Zeit für Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand, sondern die Zeit für Kopf und Verstand“. Im Augenblick gehe es nicht um Streit und Personen, es gehe darum, „das Land zu gestalten“. Wo andere in die Opposition streben würden, ringe die CDU darum, das Land in die Zukunft zu führen. Es sind ein paar kurze Sätze, aber sie sagen alles: Merkel will nicht poltern, nicht streiten, keine Abgrenzung suchen. Sie möchte – mal wieder – durch Vernunft glänzen.

Und so nutzt sie ihre gerade mal zwanzig Minuten, um nichts anderes zu tun, als für den Koalitionsvertrag zu werben. Er sei der Beleg dafür, dass man sich um die Probleme der Menschen kümmern werde. „Unser ganzes Leben besteht doch darin, das besser zu machen, was noch nicht so gut ist.“

Merkel erwähnt das Thema Sicherheit und die Ängste in den grenznahen Regionen; sie erinnert an die Sorgen vieler Menschen, angesichts der rasanten Veränderungen nicht mehr mitzukommen. Sie verspricht, auf dem Land wie in der Stadt für bessere Lebensbedingungen zu sorgen. Sie redet vom Bürokratieabbau und vom Glasfaserkabelausbau; wünscht sich wieder mehr Ärzte, die auch aufs Land gehen. Und je länger sie vom kleinen Rednerpult herab aufzählt, was sich mit diesem Koalitionsvertrag alles verbindet, desto mehr schlüpft sie in die Kleider einer guten Fee, die alles zum Besseren wendet. Merkel ist schon oft als Mutter der Nation verspottet worden; in Demmin tut sie viel dafür, um diese Rolle endgültig einzunehmen. „Geht nicht, gibt’s nicht“, erklärt sie an einer Stelle, „was gelöst werden muss, müssen wir anpacken.“

„Ich bin überzeugt: Wir schaffen das“

Nur an einer, einer einzigen Stelle geht sie auf Kritiker ein. Nicht namentlich, nur in der Sache. Dabei zeigt sie ein klitzekleines bisschen Verständnis für jene, die den Verlust des Finanzministeriums beklagen. Im nächsten Atemzug aber verspricht sie, dass sich an der Politik der schwarzen Null nichts ändern werde. Keine neuen Schulden, keine neuen Steuern, keiner soll sich Sorgen machen. Und dazu beteuert sie, dass das Wirtschaftsministerium wieder ein Ort werde, „in dem man stolz ist auf Ludwig Erhard“. Die Sache mit dem Finanzministerium stinkt ihr selber; umso mehr sollen jetzt Erinnerungen an alte Helden helfen.

Und dann? Gibt es noch ein Versprechen und eine Überraschung. Zum Abschied sagt die Kanzlerin, sie habe nur ein Ziel: ein Deutschland, „in dem die Menschen gut und gerne und erfolgreich leben“. Und für alle, die daran zweifeln könnten, fügt sie hinzu: „Ich bin überzeugt: Wir schaffen das.“

Merkel lächelt auch an dieser Stelle. So umstritten der Satz längst ist – er soll ihr gehören. Sollen die anderen schimpfen und dagegen wettern. Sie hat ihn wieder entdeckt und in Besitz genommen. Fasching bei Merkel, Aschermittwoch 2018.

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Söder demonstriert in Passau, dass er schon jetzt Landesvater kann. Seine krawalligen Töne sind fast weg. Nur eine Forderung ist an diesem Aschermittwoch neu.

Von Ingrid Fuchs

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